Beyond Offsetting: Auftakt der Webinarreihe zur Klimafinanzierung mit Wirkung
Mit dem ersten Modul der Webinarreihe „Beyond Offsetting. Klimafinanzierung mit Wirkung und Gerechtigkeit gestalten“ hat die Klima‑Kollekte am 3. Juni 2026 einen wichtigen Austausch zu aktuellen Fragen der internationalen Klimafinanzierung angestoßen. Rund 20 Teilnehmende aus Zivilgesellschaft, Kirche und Praxis nahmen an der Online‑Veranstaltung teil.
Unter dem Titel „Klimaschutzmechanismen im Wandel“ gaben Sina Brod und Johannes Schlüter von der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima einen Überblick über die Entwicklungen rund um Kompensation, Contribution Claims und Artikel 6 des Pariser Abkommens und ordneten diese ein.
Klimafinanzierung: großer Bedarf, begrenzte Mittel
Zu Beginn machten die Referierenden deutlich, vor welcher Herausforderung die internationale Klimapolitik steht: Zwar verpflichten sich alle Staaten im Rahmen des Pariser Abkommens zu nationalen Klimaschutzbeiträgen (NDCs), doch reichen diese bei Weitem nicht aus, um die Erderwärmung wirksam zu begrenzen. Besonders Länder des Globalen Südens sind auf zusätzliche finanzielle Unterstützung angewiesen – für Emissionsminderungen ebenso wie für Anpassungsmaßnahmen.
Internationale Klimafinanzierung soll hier ansetzen: Sie schließt Finanzierungslücken, unterstützt nachhaltige Entwicklung und ist Ausdruck von Verantwortung und Klimagerechtigkeit. Neben staatlichen Mitteln spielen dabei zunehmend auch freiwillige Beiträge nichtstaatlicher Akteure eine Rolle.
Artikel 6: Fortschritte – und viele offene Punkte
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf Artikel 6 des Pariser Abkommens, der internationale Kooperationen im Klimaschutz regelt. Vorgestellt wurden die unterschiedlichen Instrumente von Artikel 6.2 (bilaterale Transfers von Emissionsminderungen) bis zum zentralen Mechanismus nach Artikel 6.4.
Die Referierenden zeigten auf, dass die neuen Regeln im Vergleich zu früheren Mechanismen strenger sind: Emissionsminderungen werden konservativer berechnet, ein Teil der Zertifikate wird zugunsten des globalen Klimaschutzes einbehalten, und Entwicklungswirkungen sollen systematischer berücksichtigt werden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Umsetzung noch am Anfang steht – etwa beim Aufbau von Registern, bei Autorisierungsprozessen oder beim Übergang vom Clean Development Mechanism zu Artikel 6.4.
Vom Ausgleich zum Beitrag: Contribution Claims
Vor diesem Hintergrund stellten Sina Brod und Johannes Schlüter den Contribution‑Claim‑Ansatz vor. Er reagiert auf die wachsende Kritik an klassischen Kompensationsmodellen und setzt einen anderen Schwerpunkt: Organisationen finanzieren Klimaschutzmaßnahmen außerhalb ihrer eigenen Wertschöpfungskette, ohne diese auf die eigene Klimabilanz anzurechnen.
Im Mittelpunkt steht nicht die „Neutralisierung“ eigener Emissionen, sondern der transparente Beitrag zum globalen Klimaschutz. Eigene Emissionen, Reduktionsziele und externe Beiträge werden klar voneinander getrennt kommuniziert. Das soll Doppelzählungen vermeiden und die Glaubwürdigkeit erhöhen.
Kritische Nachfragen aus dem Teilnehmendenkreis
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie viele Fragen derzeit offen sind. So wurde unter anderem thematisiert, dass NDCs bislang freiwillig sind und kaum sanktioniert werden. Wie kann verhindert werden, dass Emissionsminderungen bereits national angerechnet werden, bevor sie als ITMOs übertragen werden? Die Referierenden verwiesen auf die Bedeutung sogenannter Corresponding Adjustments, machten aber auch klar, dass dies politisch und administrativ anspruchsvoll bleibt.
Auch die Marktunsicherheit der vergangenen Jahre kam zur Sprache. Die lange ungeklärten Umsetzungsfragen zu Artikel 6 hätten die Nachfrage im freiwilligen Kohlenstoffmarkt spürbar gedämpft. Zugleich besteht die Erwartung, dass mit zunehmender Klarheit sowie neuen Qualitätsinitiativen wieder mehr Dynamik entsteht.
Ein weiterer Beitrag bezog sich auf die angekündigte Überarbeitung des Corporate Net Zero Standard (CNZS 2.0) der Science Based Targets Initiative und die möglichen Auswirkungen auf unternehmerische Klimastrategien und freiwillige Klimafinanzierung.
Auch die Frage, wann Kompensation und wann Contribution Claims sinnvoll sind, wurde diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass Contribution Claims vor allem dann passend sind, wenn es um freiwilliges Klimaengagement von Unternehmen geht und ein langfristiger, glaubwürdig kommunizierter Beitrag zum Klimaschutz im Vordergrund steht. Sina Brod betonte, dass solche Beiträge selbstverständlich auch in Nachhaltigkeitsberichten dargestellt werden können.
Kritisch beleuchtet wurde zudem die Rolle von Zusatzlabels und Qualitätskennzeichnungen. Es wurde gefragt, ob diese tatsächlich zu besseren Projekten führen oder ob sie vor allem größeren, finanzstarken Akteuren zugutekommen. In der Diskussion zeigte sich, dass die Weiterentwicklung von Qualitätskriterien wichtig und notwendig ist. Gleichzeitig wurde am Beispiel des Gold Standard deutlich, wie sich Standards im Laufe der Zeit weiterentwickeln und auf neue Anforderungen und Kritik reagieren. Zusatzlabels bestätigen in erster Linie die Einhaltung bestimmter Regeln. Für die tatsächliche Qualität und Wirkung von Projekten – insbesondere im Hinblick auf Entwicklungsziele – bleiben jedoch eine sorgfältige Umsetzung vor Ort und ein gutes Verständnis der lokalen Kontexte entscheidend.
Ein gelungener Auftakt mit viel fachlichem Input
Das erste Modul der Webinarreihe machte deutlich, dass sich der freiwillige Klimaschutz derzeit in einer Phase des Umbruchs befindet. Die Veranstaltung war inhaltlich anspruchsvoll und bot viel Raum für Einordnung, kritische Nachfragen und unterschiedliche Perspektiven. Gleichzeitig hat der Austausch spürbar Freude gemacht, nicht zuletzt durch ein vielfältiges Teilnehmendenfeld und eine offene, konstruktive Diskussion.
Ein herzlicher Dank gilt den Referierenden Sina Brod und Johannes Schlüter für ihre fundierten Einblicke und die anregende Gestaltung der Session.
Mit den weiteren Modulen der Reihe „Beyond Offsetting“ wird die Klima‑Kollekte diesen Dialog fortsetzen – mit dem Ziel, Klimafinanzierung so zu gestalten, dass sie wirksam, gerecht und langfristig tragfähig ist.















